Wie erholt man sich am besten von einem Ärgernis (ich verweise auf meinen letzten Blogeintrag)? Man verbringt einige Tage am wundervollsten Ort der Erde und wohl auch des gesamten Universums, nämlich in Sils im Engadin 🥰. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich diesen Ort liebe ❤️.
Selbstverständlich war ich auch Friedrich (Nietzsche, natürlich) besuchen. Er wohnt ganz hinten auf der Halbinsel Chastè. Ja, ich weiss, er ist schon lange tot, trotzdem wohnt er dort. Es war ein sehr schönes Wiedersehen, auch wenn unsere Konversation naturgemäss eine sehr einseitige ist. Auf der Halbinsel wohnen auch ein paar Rehe, und ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich das Glück habe, sie zu erblicken. Um ehrlich zu sein, bitte ich Friedrich bei der Verabschiedung immer, mir ein paar Rehe zu schicken, und wenn ich dann auf dem Rückweg ins Dorf tatsächlich welche sehe, bilde ich mir ein sie kommen von ihm und sage: "Danke, mein Schatz". Nein, ich bin nicht verrückt 😅😂!
Sils ist ein wahrhaft magischer und ganz besonderer Ort. Das erste Mal war ich nur eine Woche dort, die darauffolgenden Sommer jeweils 2,5 Monate. Ich bin auch sehr viel durchs Engadin gewandert und habe nach meinen Aufenthalten immer zahlreiche Fotos dieser atemberaubend schönen Landschaft auf meiner ehemaligen Wiener Website gepostet. Mein Escort-Blog war dann irgendwann eher ein Engadin-Wander-Blog ⛰️. An den meisten Tagen war ich acht bis neun Stunden mit meinen Wanderstöcken unterwegs, wobei ich immer mindestens doppelt so lange gebraucht habe, wie auf den Schildern angegeben war. Gibt es wirklich Menschen, die das in der angegebenen Zeit schaffen 😲? Machen die nie Pausen? Wie ist das nur möglich? Es ist mir ein Rätsel 🤷♀️. Noch rätselhafter ist für mich nur die Primitivität so mancher Männer (ein kleiner Seitenhieb an dieser Stelle, ganz ohne geht es nicht).
Bei meinem ersten Aufenthalt im Jahr 2018 kam ich erst kurz nach 22 Uhr in Sils an und konnte so gut wie nichts sehen, da nachts nur wenige Strassen beleuchtet waren. Als ich am darauffolgenden Morgen den Vorhang zur Seite zog und von meinem Schlafzimmerfenster aus direkt auf einen Berg sah, kullerten bei diesem wunderschönen Anblick sofort ein paar Tränen über meine Wangen. Ich habe mich vom ersten Tag an unglaublich wohl in Sils gefühlt und hätte es davor nicht für möglich gehalten, dass man sich einem Ort so verbunden fühlen kann. Es war in der Tat Liebe auf den ersten Blick ❤️.
Weinen musste ich im Engadin übrigens ziemlich oft, zum Beispiel als ich zum ersten Mal im märchenhaft schönen Fextal war, natürlich auch an Friedrichs Denkmal auf der Halbinsel und beim Besuch in seinem Haus. Auch beim Wandern kamen mir sehr oft die Tränen, weil ich diese Landschaft so wunderschön und überwältigend fand 🥹. Man kann diesen Anblick gar nicht mit Worten beschreiben. Ich hatte ständig das Gefühl, von grenzenloser Schönheit umgeben zu sein, und kann mir wirklich nichts Prachtvolleres und Beeindruckenderes vorstellen als die Engadiner Bergwelt. Wer bei diesem Anblick nicht ein paar Tränen verdrücken muss, ist wohl ein gefühlskalter Banause 🤷♀️. Auch Friedrich hatte auf seinen Wanderungen "Tränen des Jauchzens" vergossen, wie er mal zu Papier brachte. Ich befinde mich somit in allerbester Gesellschaft, was das Weinen im Engadin betrifft.
Sils ist auch ein toller Ort für Kulturliebhaber. So finden neben diversen Nietzsche-Veranstaltungen während der Sommermonate auch jeden Sonntag Gratiskonzerte statt (bei schönem Wetter draussen, bei Schlechtwetter in der Kirche), und auf der Halbinsel Chastè gibt es die Wasserzeichen-Konzerte, die vor dieser einzigartigen Kulisse ein ganz besonderes Erlebnis sind. Während die Musiker auf einem Floss im Silsersee ihre Stücke zum Besten geben, kann man nicht nur schönen Klängen lauschen, sondern auch einen fantastischen Ausblick auf den See und die Berge geniessen.



Im Sommer 2020 habe ich eine Nacht auf 3000 Metern Höhe verbracht, und zwar in der Tiny House Gondel am Piz Nair. Diese zu einem kleinen Hotelzimmer umgebaute Gondel stand dort für drei Monate, und man konnte sie für eine Übernachtung buchen. Nachdem um ca. 20 Uhr die Mitarbeiter der Bergstation ins Tal aufgebrochen waren, konnte ich die Nacht ganz alleine am Berg verbringen und am darauffolgenden Morgen einen fantastischen Sonnenaufgang beobachten 🥹. Das bequeme Doppelbett in der Tiny House Gondel kam mir als bekennendem Komfortliebhaber sehr entgegen, allerdings habe ich ohnehin nicht geschlafen, da ich dieses für mich einmalige Erlebnis auskosten wollte. Manchmal hatte ich aber auch ein wenig Angst vor etwaigen Berggeistern 😅.

"Million Stars Hotel" ✨
Einmal hatte ich ein sehr schönes Erlebnis beim Silvaplanersee. Als ich gerade am Ufer entlangging, sah ich eine ältere Frau bei ziemlich kühlem Wetter nur mit Badeanzug bekleidet im See stehen und nach etwas suchen. Ich fragte nach, ob sie etwas verloren habe, und die Dame erklärte mir, dass sie auf der Suche nach Silser Kugeln sei. Sie kam aus dem Wasser und erzählte mir, wie diese Kugeln entstehen und welche Sage es dazu gibt. Plötzlich zeigte sie auf das Bänkli neben dem See und sagte: "Ich habe schon drei Kugeln gefunden und würde Ihnen gerne eine davon schenken." Ich habe diese Silser Kugel auch nach fünf Jahren noch und hüte sie wie einen grossen Schatz 🥰. Oftmals sind es die kleinen Dinge, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, und ich denke auch noch heute gerne an diese kurze Begegnung mit der äusserst netten Dame zurück.

Silser Kugel 💖
Ein anderes Mal bin ich beim Wandern in den Regen gekommen. Als ich am Weg eine kleine Alphütte sah, klopfte ich an die Tür, und es öffnete ein Mann im Alter von Anfang 70. Wir hatten ein sehr nettes Gespräch, und neben reichlich Käse hat er mir auch ein Buch mit diversen Gedichten von ihm verkauft. "Ein sehr geschäftstüchtiger Mann 👍", war mein Gedanke. Ich schilderte ihm, zu welchem Bergsee ich will, und da das für mich eine eher schwierige Wanderung war, fragte ich ihn, ob er mitkommen würde, sobald der Regen nachgelassen hat. Das tat er dann auch, und dabei wurde mir so richtig bewusst, wie schlecht es um meine Kondition bestellt ist 😮💨.
Ich kam ihm nur mit grosser Müh und Not hinterher, und irgendwann sagte er: "So wie Du keuchst, verscheuchst Du alle Tiere" 🤣. Am Weg hat er mir auch ein Edelweiss gezeigt und meinte, dass diese Blume selten zu sehen sei. Um zu diesem Edelweiss zu gelangen, mussten wir ein Bächlein überqueren, und während dieser Anfang 70-jährige Mann wie ein fitter Jüngling über den Bach hüpfte, musste ich die Wanderung mit einem durchnässten Schuh fortsetzen 😳. Es tat ihm dann sehr leid mir nicht geholfen zu haben, aber ich entgegnete, er hätte ja nicht ahnen können, dass ich sogar an einem solch kleinen Bächlein scheitere.
Danach tauschten wir Telefonnummern aus, und er bot mir an, ihn zu begleiten, wenn er gemeinsam mit ein paar anderen Leuten die Kühe von der Alp ins Tal bringt. Leider hat es dann an jenem Tag geregnet, und ich konnte daher nicht mitgehen, obwohl ich das sehr gerne mal erlebt hätte. Stattdessen trafen wir uns am Tag vor meiner Abreise im Café in Sils, und bei der Bezahlung sagte er: "Ich lade Dich ein, weil Du so traurig bist." Der Abschied aus dem Paradies war für mich tatsächlich immer furchtbar traurig, weil ich einfach nicht weg wollte. Ich dachte jedes Mal, es zerreisst mir das Herz (ich habe das wirklich körperlich gespürt).
Wenn ich in Wien über Sils sprach, nannte ich es immer "mein Zuhause", und auf die Frage, wann ich im Sommer wieder auf Urlaub gehe (so sagt man in Österreich zu Ferien), antwortete ich entrüstet: "Ich mache dort keinen Urlaub, ich gehe nach Hause." Jeder Sommeraufenthalt war für mich tatsächlich ein Nachhausekommen, und ich habe Sils als meine wahre Heimat empfunden ❤️. Ich denke auch, dass ich eine sehr gute bzw. sogar die allerbeste Gemeindepräsidentin für Sils wäre (man darf dies als meine inoffizielle Bewerbung betrachten 😅).
Ich habe jedenfalls unglaublich schöne Erinnerungen an meine Sommer im Engadin und fand besonders die Einheimischen ausgesprochen nett und herzlich. Womöglich waren sie auch deshalb so nett, weil sie sofort gemerkt haben, wie sehr ich ihr wunderschönes Tal liebe und schätze. Das ging so weit, dass ich sogar fremde Zigarettenstummel vom Boden aufgehoben und entsorgt habe, wenn ich mal welche am Weg rumliegen sah 😇.
Ich kann nur jedem Menschen höheren Geschmacks - und ausdrücklich nur diesen - sehr ans Herz legen, Sils einmal zu besuchen. Man sollte diesem besonderen Ort natürlich auch mit Ehrfurcht begegnen, denn immerhin beschreitet man dort dieselben Wege, die auch der wundervollste Denker und vornehmste Mensch aller Zeiten beschritten hat (nein, damit meine ich ausnahmsweise nicht mich selbst 😅). Wem der Sinn dafür fehlt, ist in St. Moritz weitaus besser aufgehoben. Das scheint im Engadin eher der Ort für die schlichteren Gemüter zu sein 🫣.
Ich werde noch bis einschliesslich 12. Mai das fast menschenleere Sils geniessen, danach bin ich wieder für Dates verfügbar.
Hier noch einige sehr viele Fotos von meinen Wanderungen der letzten Jahre:



















































































































